WMDE-Jahresplan 2015: Und es hat so gut angefangen …

Gestern hat Wikimedia Deutschland (WMDE) den Entwurf für den Jahresplan 2015 – aufgeteilt auf eine Hauptseite, eine Seite zur Organisation, eine zu Zielen und eine zu Finanzen – im Mitgliederwiki und auf Meta veröffentlicht. Um das Fazit vorwegzunehmen: Ich bin enttäuscht. Und dabei hat es so gut angefangen …

Aber von Anfang an: Was sind die Kernpunkte des Jahresplans?

  • Ende des Personalaufbaus: Wikimedia Deutschland und die Wikimedia-Fördergesellschaft (WMFG) sollen nächstes Jahr nur um 4,425 Vollzeitstellen (FTE) auf circa 55,5 Vollzeitstellen anwachsen (+ 8,7 %). Damit setzt sich der Trend aus dem letzten Jahr fort, das rasante Stellenwachstum endet. Zum Vergleich: 2013 wuchs das Personalbudget von WMDE mit 9,25 FTE noch um fast ein Viertel, 2014 mit 4,675 FTE nur noch um etwas mehr als ein Zehntel.
  • Umstrukturierungen, Fusionen, Namensänderungen: Fast alle Abteilungen sind betroffen. Um nur zwei Beispiele zu nennen: Aus dem Team Communities wird das Team Ideenförderung, der nur noch aus dem früheren Förderteam besteht. Aus den Bereichen Politik und Gesellschaft sowie Bildung und Wissen gehen das Team Bildung, Wissen und Kultur sowie das Referat Politikberatung hervor.
  • Ausbau der Software-Entwicklung: Die Software-Entwicklung ist der einzige Bereich, der nennenswert wächst. Das hängt damit zusammen, dass die technische Kommunikation (also Birgit Müller) aus dem Team Communities in den Bereich Software-Entwicklung rutscht. Außerdem soll ein „Entwicklungszentrum“ eingerichtet werden, das „Community-Projekte“ umsetzt.

Allem vorangestellt ist eine sehr schöne Präambel, in der unter anderem steht, dass „Freiwillige unser Ausgangs- und Zielpunkt“ sind. „Wikimedia Deutschland ist dann am besten, wenn Freiwillige das tun, was sie antreibt – und Hauptamtliche das, was Freiwillige nicht leisten können oder tun wollen.“ Als ich das gelesen habe, dachte ich: Na also! Geht doch! Leider habe ich diesen Grundgedanken im restlichen Jahresplan nicht mehr wiedergefunden.

Nicht nur hier wirkt der Jahresplan auf mich unrund, in sich unschlüssig, zusammengeschustert aus Teilen, die nicht zu einander passen. Beispiele gefällig? Gerne:

  • Auf der Hauptseite wird die Einrichtung eines „Entwicklungszentrums“ für „Community-Projekte“ im Team Software-Entwicklung angekündigt. Dieses Zentrum taucht aber in der Beschreibung der Organisation, also in der Definition dessen, was das Team machen soll, gar nicht auf. Erst bei den Zielen für 2015 ist es wieder dabei.
  • Auf der Hauptseite steht, dass die Bereiche Politik und Gesellschaft sowie Bildung und Wissen fusioniert werden sollen. Gleichzeitig wird auf der Seite Organisation dargelegt, dass es ein neues Team Bildung, Wissen und Kultur (quasi Bildung und Wissen plus GLAM) sowie ein neues Referat Politikberatung geben soll.
  • Die bei der Organisation beschriebenen Referate tauchen in der Finanzplanung nicht mehr auf. Es ist nicht ersichtlich, welchen Bereichen sie zugerechnet werden oder gar wie groß die Posten für die Referate sind.
  • Auf der Seite Organisation werden fast alle Teams ausführlich beschrieben. Nur die Verwaltungsbereiche (Personal, Finanzen, Events, Office, IT) werden zusammen in einem Abschnitt abgehandelt. Das mag teilweise noch verständlich sein. Beim Eventteam zum Beispiel kann ich das aber nicht nachvollziehen: Zum einen gibt es hier auch eine Schnittstelle zu den Freiwilligen. Zum anderen sind die Rolle und die Aufgaben dieses Teams durchaus umstritten. Hier hätte es sich gelohnt, etwas mehr Worte zu verlieren.

Und was halte ich jetzt davon? Einige Pläne in diesem Entwurf begrüße ich. Wie oben geschrieben, finde ich die Präambel sehr gelungen. Dass der Bereich GLAM wohl zu Bildung und Wissen wandern soll, scheint für mich sinnvoll. Dass die Geschäftsstelle nicht mehr nur wächst, wächst und wächst, halte ich auch für einen sinnvollen Schritt. Erstmal muss die bestehende Struktur konsolidiert und die Notwendigkeit von Wachstum geprüft werden, bevor man sich weiter vergrößern kann.

Leider sind die Punkte, die ich kritisch sehe, deutlich in der Überzahl und deutlich gravierender:

  • Wie gesagt findet sich der Geist der Präambel im restlichen Jahresplan nicht wieder. Nur für zwei Teams wird eine Schnittstelle zu den Freiwilligen aufgebaut: die Ideenförderung und die Software-Entwicklung. Dabei wäre das auch in so vielen anderen Teams und Referaten angebracht: Bildung, Wissen und Kultur, Politikberatung, Internationales, Events, Kommunikation, Zusammenarbeit und Entwicklung.
  • Das frühere Team Communities, jetzt Ideenförderung, soll deutlich schrumpfen. Die technische Kommunikation (zurzeit eine Stelle) soll in die Software-Entwicklung wandern, soweit okay. Die Begleitung von sozialen Prozessen (zwei Stellen), die ich persönlich für sehr wertvoll halte, wird ersatzlos gestrichen, und zwar ohne weitere Begründung. Das ist für mich eines der größten Probleme mit diesem Jahresplan. (Außerdem werden dem Team 1,325 FTE gestrichen. Das ist aber in Ordnung, wenn man berücksichtigt, das es sich nur noch um das Förderteam handelt und drei andere Stellen wegfallen oder verschoben werden.)
  • Das Team Softwareentwicklung soll um 4,75 FTE wachsen, ohne dass die bisherige Arbeit gut nach außen kommuniziert wird und ohne dass das neue Ziel eines „Entwicklungszentrums“ für „Community-Projekte“ konkretisiert wird. Hier muss meiner Meinung nach in der Begründung noch deutlich nachgelegt werden, um dieses Wachstum zu rechtfertigen. (Wobei eine Stelle hier die wechselnde technische Kommunikation ausmacht.) Außerdem muss nochmal grundsätzlich darüber nachgedacht und entschieden werden, ob wir wirklich ein Drittel der Angestellten unseres Vereins in die Software-Entwicklung schicken wollen.
  • Dass das Thema GLAM aus Politik und Gesellschaft herausgelöst und in Bildung und Wissen integriert wird, scheint sinnvoll. Mit der Umwandlung der Abteilung Politik und Gesellschaft in das Referat Politikberatung habe ich aber noch Probleme. Für mich hat eine Abteilung Politik und Gesellschaft mit einem Mathias Schindler 2.0 und einem Jan Engelmann 2.0 (oder auch einem zurückgekehrten Jan Engelmann) immer noch eine Daseinsberechtigung. Ein Beispiel für die Dinge, die nach der neuen Planung wegfallen, ist die Zusammenarbeit mit den Freiwilligen im Support-Team oder im Urheberrechtsbereich, die im letzten Jahr sehr gut gelaufen ist und eigentlich behutsam ausgebaut werden sollte.
  • Die Finanzplanung ist so für mich nicht nachvollziehbar, da die neuen Referate Internationales, Management-Beratung und Politikberatung unterschlagen werden. (Gutes Stichwort: Wie die Management-Beratung aussehen soll, würde mich auch mal interessieren.)
  • Und nota bene: Die Begriffe „Zusammenarbeit und Entwicklung“ und „Selbstermächtigung“ sollten nochmal überdacht werden.

Nachdem ich also aus genannten Gründen nach der Lektüre des Jahresplans recht enttäuscht war, hat die Nachricht, dass Dirk Franke Wikimedia Deutschland zum Jahresende verlässt, meiner Stimmung den Rest gegeben. Zwar gibt es hierzu noch kein offizielles Statement, und wahrscheinlich wird es das auch nie mit einer zufriedenstellenden Begründung geben. Auf den ersten Blick wird hier aber die Personalpolitik fortgesetzt, die Viele schon vor gutem einem Jahr stark kritisiert haben, als das Ausscheiden von Christoph Jackel bekannt wurde, und für die ich auch kein Verständnis habe.

Es wird also für die kommende WikiCon ausreichend WMDE-Gesprächsstoff geben, schließlich haben wir auch noch einen Nachtragshaushalt zur Diskussion.

Soweit meine ersten Gedanken zu dem Entwurf für den Jahresplan 2015, der auf der Mitgliederversammlung im November abgestimmt werden wird. Ich persönlich kann ihm in dieser Form nicht zustimmen und hoffe, dass wir noch einige Änderungen vornehmen können. Außerdem wünsche ich Dirk alles Gute für die Zeit nach Wikimedia Deutschland – ich bedaure deinen Weggang sehr!